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Weggeworfene Lebensmittel

Angst vor alles – EU und Verschwörung

Es ist erschreckend in welche Richtung ein Teil unserer Gesellschaft läuft. Ich sage bewusst Teil, weil ich es noch nicht akzeptieren will, dass das vielleicht Konsens wird.

Die Angst vor allem. Hinter allem einen Angriff zu sehen. Jegliche Ideen Dritter als Bevormundung zu betrachten, sogar wenn es darum geht eine Bevormundung abzuschaffen.

Insbesondere wenn mal wieder einen politische Entscheidung aus der EU ansteht, geht alles auf die Barrikaden. Das Hirn wird abgeschaltet und jegliche Faktenlage, eigene Bildung und gesunder Menschenverstand wird über Board geworfen.

Ja, die EU trägt einen sehr großen Anteil an Schuld mit, bei dieser Entwicklung des Verlustes an Vertrauen. Die Intransparenz, die unverständliche Bürokratisierung, der Fokus auf Wirtschaft und weniger auf den Menschen hat den EU-Bürger an sich zutiefst misstrauisch gemacht.

Aber nicht allein die EU macht die Menschen zu einem Wesen der nur Misstrauen empfindet, es ist auch ein wesentlicher Anteil in den Staaten zu sehen, deren höchste Aufgabe ist, Bildung zu vermitteln.
Gerade in Deutschland scheint sich da ein großes Defizit aufzutun, wenn ich nur das Beispiel der letzten Diskussion heranziehe. Dafür brauche ich nicht auf eine Montagsdemo zu gehen. Ich brauche nur im Social Media unter einer Nachrichtenmeldung zu einem Vorstoß einer neuen EU-Richtlinie zu schauen, um diese fatale Entwicklung zu beobachten.

Es geht um den Vorstoß für lang haltbare Lebensmittel den Aufdruck des Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) abzuschaffen. Die Initiative geht, wie üblich, von einzelnen Staaten aus. Ist also i.d.R. keine anonyme bürokratische Forderung wie immer geglaubt wird. Diesmal sind es die Niederlande und Schweden. Konkret bedeutet das, auf Nudeln, Reis oder Kaffee wird nicht an irgend einer Lasche ein Datum stehen, welches irgendwann auf das nächste Jahr datiert ist.

Was für ein Aufschrei. Hier mal ein paar Beispiele:

„Totaler Murks … dann werfe ich vorbeugend noch deutlich vor der Zeit weg, weil ich auf Nummer sicher gehen möchte.”

„Wenn das demnach so ist Warum schreiben Sie dann so ein Datum drauf?“

„Aigner lässt grüßen demnächst gibt’s Kadaver zum Frühstück :-)“

„Geil ….. die Rechtsanwälte bekommen arbeit … wegen verdorbener Lebensmittel.”

„vorschriften ohne ende seitens EU. Was für ein Schwachsinn. Da sitzen sie wieder an ihren Diskussions-tischen und geben uns allen wieder vor, wie wir zu leben haben. Ich steck mir mal den Finger in den Hals und kotze.“

„Und die Realität wird so aussehen das die Leute aus Unsicherheit noch schneller etwas wegwerfen. Ganz ehrlich … wenn ich mir nicht sicher bin geht es auch in die Tonne bevor ich es esse …..lieber in die Tonne als das ich nachher nicht mehr vom Klo komme …“

„Man redet euch jetzt ein schlechtes Gewissen ein will aber ein Gesetz im Interesse der Wirtschaft durchsetzen. Es geht doch garnicht um das bisschen Zeug was ihr vielleicht nach Ablauf des MHD wegwerft. Das wurde doch von euch bezahlt, der Staat hat seine Steuern und der Unternehmer sein Gewinn. Nein, es geht einzig und allein um die Verluste der Handelskonzerne. Die würden gerne unverkaufte Ware länger liegenlassen dürfen anstatt diese wegwerfen zu müssen (und so nix dran zu verdienen)“

„90 Millionen Tonnen Lebensmittel werden wegen abgelaufenem MHD weggeworfen, so die Aussage. Nun rechne mal wieviel jeder jeden Tag wegwerfen muss damit man auf diese Menge kommt. Nie und nimmer verursachen Privatpersonen diese Menge an Verschwendung!“

„Man will keine 90 Millionen Tonnen unverkaufter Waren wegwerfen müssen sondern will mehr Zeit um diese im Regal liegen zu lassen. Das ist der Grund der Initiative!“

Glücklicherweise gibt es auch Kontra zu den Meinungen und ich bin froh, dass diese Aussagen nicht unwidersprochen hingenommen werden. Trotzdem beschleicht mich das Gefühl, dass dem Bürger die Mündigkeit Stück für Stück aberzogen wird und damit solche Überlegungen zu Tage kommen.

Da vermischen sich Ängste, um die eigenen Gesundheit mit sarkastischen Einwürfen, Anwälte würden sich bei Schmerzensgeldklagen wohl eine goldene Nase verdienen, bis zur Theorie, die Lebensmittelindustrie könne damit abgelaufene Ware länger verkaufen. Dazu werden dann die Zahlen im Artikel komplett umgedeutet und falsch gelesen, um daraus zu interpretieren, dass die Angaben des Gutachtens ja völlig falsch seien.

Die 90 Mio Tonnen werden mitnichten von privaten Personen weggeworfen, sondern haben zwar den größten prozentualen Anteil, aber tragen nicht allein zu den Berg an Lebensmittelmüll mit:

Einer von der EU finanzierten Untersuchung zufolge gehen 42 Prozent aller weggeworfenen Lebensmittel auf das Konto der privaten Haushalte. 39 Prozent landen bei den Herstellern im Müll, 14 Prozent in der Gastronomie und fünf Prozent bei den Einzelhändlern. In der Studie nicht berücksichtigt sind Abfälle aus Landwirtschaft und Fischerei.

Handelsbaltt, 2011

Damit fällt zugleich die Theorie zusammen, dass sich Lebensmittelhändler mit längeren Lagerungszeiten im Geschäft den Verkauf sichern wollen, ohne sie vergünstigt abgeben zu müssen oder gar wegzuwerfen. Bei 5% Anteil, wären das noch 4,5Mio t pro Jahr. Für die gesamte EU. Das ist immer noch extrem viel. Aber der Anteil an lang haltbaren Lebensmitteln ist bei den 5% noch mal ein geringfügiger Bruchteil.

Keine Regel ohne Ausnahme. Salz mit MHD

Quelle: https://twitter.com/Teilzeitopti/status/467713870380150784 | Public domain

Keine Regel ohne Ausnahme. Salz mit MHD

Jeder kann das überprüfen und im Geschäft seiner Wahl im Bereich für abgelaufene MHD-Daten die Ware durchzuschauen. Man wird wohl kaum Nudeln, Mehl, Reis, Kaffee oder Tee finden. Vielleicht mal bei exotischen Sorten, die generell nicht laufen, aber üblicherweise wird man Wurst, Käse, Milch und andere Frischwaren, bzw zu kühlende Waren finden.

Dem Vorstoß zu dieser EU-Initiative ist also maximal vorzuwerfen, dass das Problem nicht an der schlimmsten Stelle angepackt wird. Nur geldgierige Lebensmittelhändler werden dafür kaum Lobbyarbeit gemacht haben. Zudem kann man mal nachschauen, ob man bei Zucker, Salz oder Essig herausfindet, ob sie „abgelaufen“ sind. Die haben schon jeher kein MHD (wenn es auch witzige Ausnahmen gibt). Da spricht niemand von Gesundheitsgefährdung.

Die Aussagen, die EU würde wieder Vorschriften erteilen und Bürokratisieren kann man nur als Reflexhaltung begreifen. Schließlich geht es um eine Abschaffung. Das dazu von Richtlinien, die nicht mal aus der EU kamen. MHD für Lebensmittel sind schon 30 Jahre alt.

 

Besonders die Angst vor der Gesundheitsgefährdung zeigt mir deutlich, dass wir ein Bildungsproblem haben. Wie kann es möglich sein, dass das wichtigste Element unseres Daseins: Nahrung, uns so fremd geworden ist? Wie ist es möglich, dass Menschen sich mehr auf ein aufgedrucktes Datum verlassen (übrigens von den Konzernen denen Sie ja vorwerfen, sie würden ausschließlich nach Gewinnmaximierung streben), als auf die eigene Einschätzung über den Geruch, Konsistenz, Farbe und Geschmack von Lebensmittel? Ich habe noch in der Schule Haushaltsunterricht gehabt. Meine Eltern haben mit uns Kindern zusammen gekocht und ich konnte dabei lernen, was es mit Reis macht, wenn er verdorben ist.

Wie kann es sein, dass man sich aus jeglicher Verantwortung stehlen will, in dem man fordert, dass Mindesthaltbarkeitsdaten einen schützen sollen, damit man in der Bequemlichkeit sich nicht mehr mit (gesunder) Nahrung beschäftigen muss?

Wie kann es sein, dass wir so ein Hörigkeitsgefühl entwickeln können, einem Richtwert-Datum zu glauben, dass aufgedruckt wurde, um einer Gruppe von Lebensmitteln gerecht zu werden, statt dem individuellen Produkt in der Verpackung? Dabei sagt der Name MHD = Mindesthaltbarkeitsdatum eindeutig aus, dass es sich um eine äußerst pessimistische Einschätzung handelt, wann ein Produkt frühestens verdorben sein kann.

Die Überlegung, die Händler könnten sich dann aus der Verantwortung stehlen, wenn kein MHD drauf steht, ist ebenfalls absurd. Denn ohne MHD kann der Verbraucher immer auf die Erstattung eines verdorbenen Produktes hinwirken. Der Händler kann nicht durch den Rabatt das Umtauschrecht aushebeln (zumal auch da gilt, egal wie viel Rabatt: verdorbene Ware gilt als unverkäuflich). Aber anscheinend erwartet man die Absicherung bei verdorbener Ware (und nicht erreichtem MHD) den Verkäufer juristisch sicher am Haken zu haben. Das ist aber gar nicht notwendig.

Es läuft vieles schief. Nun zeigt sich, dass viele Defizite aus unterschiedlichen Gründen (Vertrauensverlust, Industrialisierungsangst, EU-Ablehnung, fehlende Bildung, reflexartige Ablehnung jeglicher Vorgaben) zu einer Reaktion führen, die Menschen dazu bringt zum Ausgleich Theorien zu entwickeln, die man mit gesundem Menschenverstand kaum erklären kann. Und auch das ist letztendlich die Schuld der Politik. Schließlich gab es in den letzten Monaten so viele Veröffentlichungen von unglaublichen Vorgängen (z.B. NSA), dass man wohl bereit ist auch jede andere Verschwörung sofort zu glauben.

Aber ganz kann sich ein mündiger Bürger nicht aus der Verantwortung stehlen. Bildung bei Erwachsenen ist eine Holschuld. Wenn ich etwas nicht mehr verstehe (Nahrung) und Angst bekomme, wenn jemand anders ein Pseudo-Sicherheitszertifikat (hier MHD) entfernt, dann muss ich bei mir anfangen nachzudenken.