Kategorie-Archiv: Arbeit und Leben

Geldbeutel

Mindestlohn, wer ist noch dabei, wer nicht?

Was haben die SPD-Mitglieder mit Parteibuch vermutlich alles für Hoffnungen in die GroKo gesetzt, wenn es um die Realisation des flächendeckenden Mindestlohns ging.

Inzwischen wird wohl die Freude in Resignation untergegangen sein, egal wie sich die SPD dafür feiert.

2011 schätzte man, dass ca 5,3 Mio Menschen unter 8,50€ die Stunde brutto verdienten. Das ist aber nur der theoretische Wert, weil der effektive Lohn wohl bei vielen niedriger liegt, wenn Überstunden weder bezahlt noch per Zeitausgleich abgegolten werden.

Langzeitarbeitslose gibt es in Deutschland ca. 1,1 Mio. Etwa 20.000 von ihnen kommen in Beschäftigung, deren Arbeitgeber einen Zuschuss erhalten. Insgesamt sind es aber 180.000 pro Jahr, die wieder in Beschäftigung kommen. Diese sind von der Ausnahme betroffen.

Praktikanten werden keinen Mindestlohn erhalten. Das sind in Deutschland ca. 900.000 bis eine Million Menschen, wovon ein Teil in Kurzzeitpraktika sind, die diese Regelung betreffen würden. Da eine gefestigte Größe zu finden, ist fast unmöglich. Nur ca. 11.000 Praktika sind sozialversicherungspflichtig gemeldet, so kann man locker von 800.000 Praktikanten sprechen, die tatsächlich betroffen sind.

In Deutschland sind ca. 1,4 Mio Menschen in Ausbildung. Davon unter 18 Jahre sind 28%, also ca 390.000 Menschen – ohne Mindestlohn.

Als letzter Streich werden wohl nun auch die Zeitungsausträger herausgenommen. Laut taz hat Berlin 4.000 Zusteller. Also 4.000 Zusteller auf 3,4 Mio Menschen. In ganz Deutschland sind 160.000 Menschen tätig, um Tageszeitungen und Wochenblättchen zu verteilen.

Nahles hat aber auch bei Erntehelfern Zusagen an die Wirtschaft gegeben, diese bedingt herauszunehmen. Vermutlich soll ein eigenständiger Tarifvertrag auch unter Mindestlohn möglich sein. Damit wird die Aussage Flächendeckender Mindestlohn ad absurdum geführt. Denn wenn nun auch noch Branchen ausgenommen werden, ist wohl das ganze Konzept gescheitert. Es wird geschätzt, dass 270.000 Erntehelfer im Jahr nach Deutschland kommen. 320.000 Erntehelfer arbeiten in Deutschland gesamt. Also ca 50.000 Deutsche Saisonarbeiter.

trenner

Fazit

180.000 Langzeitarbeitslose, 160.000 Zeitungsausträger, 390.000 minderjährige Auszubildende dürfen sich schon jetzt bei der großen Koalition bedanken. 730.000 Menschen, die aufgrund von Sonderregelungen ausgenommen wurden.

800.000 Praktikanten bei denen man vermuten mag, dass die unter Kurzzeitpraktika fallen oder generell bisher kein Geld bekamen.

Damit wären wir schon bei 1,53 Mio Menschen.

Wenn wir noch die Erntehelfer dazu nehmen, schlagen sich noch 50.000 (Deutsche) + 270.000 Menschen drauf.

Frau Nahles spricht von 4 Mio Menschen, die vom Mindestlohn partizipieren werden. Sie unterschlägt damit die 1,5 Mio + x Menschen, die aus dem “Flächendeckend” herausgenommen sind. Also ganz grob 25% weniger.

Ein Viertel weniger Menschen, die eine Chance gehabt hätten wenigstens 8,50€ die Stunde zu erhalten. Ein Lohn, der jetzt schon nicht erlaubt, sich selbst oder gar eine ganze Familie zu ernähren. Aber das alles wird sowieso nicht vor Ende 2016 kommen. Dann ist es mit der großen Koalition vielleicht schon wieder vorbei.

Liebe SPD, war es das wert? Feiert nicht zu laut. Es könnte sein, dass man es euch übel nehmen wird.

Ilia Efimovich Repin (1844-1930) - Volga Boatmen (1870-1873)

Grüne Stellen – Zwischen Forderung und Wirklichkeit

Bei Google+ kam mir eine Stellenausschreibung der Grünen unter, die ich durchaus irritierend fand:

Studentische Hilfskraft als Webmaster/in

[…] suchen wir auf 15 Stunden/Woche Basis eine studentische Hilfskraft.

Wir erwarten von Ihnen:

  •  mindestens 4 Semester Hochschulstudium
  •  fundierte Kenntnisse im Umgang mit Typo3, Typoscript, Typo3 Plug-Ins
  • fundierte Kenntnisse mit Ruby on RailsLinux Serveradministrationskenntnisse von Vorteil (nginx)
  •  Kenntnisse mit Datenbanken von Vorteil (CouchDB, MySQL) […]

[…] Die Beschäftigung ist bis zum Abschluss des Semesters (31. März 2014) befristet, mit der Option auf Verlängerung um jeweils ein weiteres Semester. Die Bezahlung ist angelehnt an TVÖ 3, ca 10 Euro pro Stunde. …

Stellenausschreibungen der Grünen

Stellenausschreibungen der Grünen

Unabhängig davon, dass ich nicht weiß wie die Web-Seiten der Grünen mit all den Werkzeugen in 15h/Woche bewältigt werden können, ist auch bemerkenswert, dass es sich ausschließlich um eine befristete Stelle handelt. Muss man davon ausgehen, dass die Grünen Ende 2014 nicht mehr existieren? Oder den Internetauftritt schließen werden?

Wohl eher nicht. Um die Befristung zu begründen, wird das Konstrukt der studentischen Hilfskraft herangezogen und geschrieben: Diese Teilzeitstelle soll angehenden Akademiker*innen einen Einstieg ins Berufsleben bieten. Zudem noch: Bewerbungen von Frauen sind ausdrücklich erwünscht.

Schaut man auf die Seite der Grünen, sieht man alle Ausschreibungen befristet – teilweise als Praktikumsplätze. Man kann also nicht mal von einer Ausnahme sprechen. Der Bewerber oder die Bewerberin, die für die oben genannte Stelle den Zuschlag erhält, wird allerdings mit einem nicht ganz unwitzigen Zynismus konfrontiert, wenn die folgenden Seiten administriert werden:

Bundestagsrede von Brigitte Pothmer | 29.09.2011
Befristete Arbeitsverträge

Wir haben es in Deutschland inzwischen mit einem doppelt gespaltenen Arbeitsmarkt zu tun. Wir haben nicht nur eine Spaltung zwischen den Arbeitslosen und den Beschäftigten, sondern wir haben auch eine Spaltung zwischen der Randbelegschaft und der Stammbelegschaft. Wir müssen feststellen, dass sich die letztgenannte Spaltung auf dem Vormarsch befindet. Wir haben eben keine durchlässigen Übergänge zwischen den Teilarbeitsmärkten. – Brigitte Pothmer

oder

Befristete Arbeitsverhältnisse bis ins fünfte Lebensjahrzehnt sind in der Wissenschaft inzwischen der Normalfall. 2008 waren bereits 62 Prozent der hauptberuflichen wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nur noch befristet beschäftigt. Genauso rasant breiten sich Teilzeitbezahlung, nebenberufliche und prekäre Beschäftigungsverhältnisse aus. Gleichzeitig stagniert seit Jahren die Zahl der Professuren.

Na ja, die Artikel sind ja auch schon ein paar Jährchen alt. Was interessieren einem die damaligen Forderungen. Aber es ist schon bitter, wie Anspruch und Wirklichkeit auseinander klaffen.