NespressoMagimix-Vintage

Die Sache mit den Kaffeekapseln

Social media ist schon ein witziger Tummelplatz für hart umkämpfte Meinungen. Besonders wenn mit plakativen Sprüchen um sich geworfen wird.

Bei Google+ musste ich feststellen, dass sich eine Facebookisierung einstellt, die mir etwas sorgen bereitet. Aber das soll nicht Thema diesen Beitrags sein.  Ich gehe auch nicht auf die abschweifenden Kommentare ein, die sich auf körperliche Merkmale sekundärer Geschlechtsorgane von Google+ Avatar-Bildern beziehen. Nein, es geht mir einfach um die Nutzung von Kaffeekapsel-Maschinen und die vehemente Verteidigung der Nutzer.

Aber erstmal der Link zum Beitrag (und bitte sagt nicht, ich hätte ausreichend gewarnt):

https://plus.google.com/u/0/+MelanieProrok/posts/d1QHbYifM26 [1]

Die Melanie Fröhlich hat es mit einem Bildchen in die “Angesagten” (so eine Art Vorhölle der besonders ausgewählten Beiträge auf G+) geschafft, das mit aufwändiger grafischer Codierung nur diesen kurzen Text vermittelt:

Menschen, die Kaffee in Kapseln
kaufen, bezahlen für das Kilo
Kaffee rund 80 Euro.

Kein Wunder, dass nicht hier,
sondern im Weltraum nach
intelligentem Leben gesucht wird.

Der Beitrag bekam bis gerade eben 1608 Plusse und 351 Kommentare. Ich werde dort nichts dazu schreiben, weil wohl schon alles gesagt wurde (nur noch nicht von jedem).

Der Preis

Ich persönlich halte auch überhaupt nichts von Kaffeekapseln-Automaten, wobei mir der Preis da zweitrangig erscheint. Wer sein Geld verpulvern will (dafür komme ich in die Wortspielhölle), kann das gerne machen. Trotzdem kann man ja mal eine der unendlich vielen Preisvergleichsmaschinen nutzen, um die Kapselpreise zu ermitteln:

Nes­presso For­tis­sio Lungo (10 Stk.) / Nespresso-Kapseln, Espresso-Kapseln, Kaffee-Kapseln / Kaffeesorte: Espresso
8,14 € – 9,99 € (Grundpreis: ab 13,57 €/100 g)

Ok, das ist Espresso (und die neueste angepriesene Marke) und kostet damit ab 135,70€ das Kilogramm. Also wenn der Preis bei den Kaffeebauern ankommen würde, hätten wir mehr Weltfrieden.

Ein Crema Grande ist da schon günstiger zu erwerben:

Nes­café Dolce Gusto Caffè Crema Grande (16 Stk., 16 Por­tio­nen) / Dolce Gusto Kapseln, Kaffee-Kapseln
4,09 € – 13,99 € (Grundpreis: ab 3,20 €/100 g)

Da wären wir beim Startpreis von 32€ das Kilogramm.

Es gibt auch noch günstigere Anbieter, besonders in den Supermärkten. Aber Nestlé baut gerade die Kaffeemaschinen so um, dass diese Kapseln nicht genutzt werden können (die Einstechnadel ist in Zukunft dünner und verbiegt sich ggf).

Man sieht, dass die Preise sich wirklich weit ab von den üblichen Pulverfiltern in 500g Gebinde befinden, wo man zwischen 5 bis 20 Euro pro Kilogramm bezahlt. Der Preis ist aber nicht das wichtigste, da ja leider der Kaffeepreis sowieso zu billig ist, um den Bauern ein auskömmliches Leben zu bieten. Nur muss man das auch für die Kaffeekapseln so sehen. Wo da die Preisspanne bleibt kann man nur am Aufgebot der Hollywood-Schauspieler in den Fernsehspots erahnen. Ich fürchte ein Kaffeebauer wird von diesen Mondpreisen nichts abbekommen.

Nestlé selbst wirbt [2] mit dem Label “ecolaboration AAA Sustainable Quality Programm” und arbeitet in diesem Rahmen mit 56.000 Einzelbauern zusammen. Nur ist das AAA Programm ein Stufenprogramm, wo schon die absoluten Mindestanforderungen an den Vorgaben zu einen AAA-Label führen, wie schon Öko-Test 2013 bemerkte [3]. Dazu gehört z.B. kein Mindestlohn. Überhaupt müssen nicht mal die ILO- Kriterien [4] eingehalten werden. Also es handelt sich nicht um den sogenannten Fair Trade Kaffee.

Öko-Test dazu:

Nestlé gibt an, dass man seit Ende Juni 2013 rund 80 Prozent des Kaffees durch das AAA-Programm beziehe. Wann es aber 100 Prozent sein werden und wie viel Kaffee der 80 Prozent das höchste AAA-Level high performing oder das niedrigste, underperforming, besitzen, bleibt unbeantwortet.

Nestlés Zahlen dazu auf deren Homepage [5].

Die Verpackung

Ignorieren wir mal den Preis und gehen auf die Kapseln selbst ein.

Ohne wirklich darüber nachdenken zu müssen, ist offensichtlich wie viel zusätzlicher Müll Kaffeekapseln erzeugen, um eine bequeme Handhabung bei dem Verbraucher zu haben. Vornehmlich sind die Kapseln bei Nestlé aus Aluminium hergestellt. Der Brühvorgang scheint kein Aluminium herauszulösen. Aber die Kapsel an sich ist als Einwegprodukt konzipiert und im besten Fall wird diese bei uns im Dualen System dem Rohstoffkreislauf wieder zugeführt. Da das aber kein perfektes System ist, sollte Verpackungsvermeidung eigentlich an erster Stelle stehen. Festgestellt werden muss, dass zu viele Kapseln in den Restmüll landen [6] und damit auf Mülldeponien verloren gehen. In Deutschland werden 2 Mrd Kaffeekapseln verbraucht, was 4000 Tonnen Müll bedeuten. Es ist davon auszugehen, dass es mehr werden [7].

Nicht alle Verkaufsländer haben so eine intensive Recycling-Wirtschaft wie Deutschland und nur in der Schweiz betreibt Nestlé ein Recycling At Home [8]. Was aber die Rückläuferzahlen betrifft hält sich Nestlé bedeckt.

Da die metallenen Kapseln hergestellt werden müssen, stellt sich die Frage nach einen CO2-Footprint [9]. Dazu gibt es von Nestlé nur ungenügende Aussagen, die eher die gesamte Produktion betrifft, als das für die Kapseln besonders herauszuheben. Es wird damit geworben [10], dass man von 2009 bis 2013 den Footprint um 20% senken konnte. Zwischen 2000 und 2010 ist der Anteil der Kapselproduktion mit 17% am CO2 Footprint wohl konstant geblieben. Aber in der Zeit ist die Produktion an Kapseln konstant gestiegen. Absolut verbrauchen damit die Kapseln also immer mehr CO2.

Um nochmal auf die Stoffe zurückzukommen, die in Kaffee nichts zu suchen haben. Öko-Test bemängelte [11]:

Die Produkte Cap’ Mundo Artisan Espresso Copaiba Bio Organic, Nescafé Dolce Gusto Espresso, Nespresso Ristretto und Tchibo Cafissimo Espresso enthalten PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen. Die Kapsel Coffeduck enthält polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe. Neun Aufgüsse enthalten Spuren von Nickel, die nicht zur Abwertung führen.

Alternative zu Aluminium

Wenn man ein etwas bessere Gewissen  haben möchte gibt es eine kompostierbare Alternative, die mit ethischem Kaffee wirbt:

Ethi­cal Coffee Com­pany Cre­moso (10 Stk.) / Nespresso-Kapseln, Kaffee-Kapseln / Kaffeesorte: Kaffee

2,79 € – 3,69 € (Grundpreis: ab 5,58 €/100 g)

Dazu die Beschreibung:

Die Espresso Kaspel cremoso der Ethical Coffee Company sind aus nachwachsenden Rohstoffen hergstellt und biologisch abbaubar

Sie sind in der Handhabung etwas schwerer, da die Kapseln härter und dicker sind und damit ggf. nicht von alleine aus der Maschine fallen. Man muss da händisch nachhelfen. Auch der Preis ist wieder astronomisch. Ab 55,80€ das Kilogramm immer noch mehr als das doppelte von Fair-Trade Kaffeesorten im 250g bis 500g Gebinde.

Die Argumente der Nutzer

Komme ich wieder auf den Google+ Beitrag zurück, finde ich dort aber viele Argumente und Meinungen, die ich teilweise hanebüchen finde. Allerdings wird das auch so teilweise vom Deutschen Kaffeeverband [12] kommuniziert.

“Kaffeekapseln sind kein Müll, sie werden recycled und damit wieder zu Rohstoff”

  • Das ist ja schon wiederlegt. Es wird eben nicht alles komplett dem Kreislauf zurückgeführt. Außerdem haben die Aluminium-Kapseln weitere Materialien (Deckel) die bei 1g pro Stück wohl kaum getrennt werden. Damit gehen diese idR. alle in die thermische Verwertung (netter Euphemismus).

“Beim Filterkaffee wird nicht immer alles leer getrunken und viel weggeschüttet.”

  • Aber was weggeschüttet wird ist Wasser und biologisch abbaubarer Kaffee. Man kann damit auch Blumen gießen.

“Ich trinke nur eine Tasse am Tag, es lohnt sich nicht richtig Kaffee zu kochen”

  • Bei 2 Mrd Kapseln im Jahr in Deutschland und 4000 t Müll scheint das Argument wohl nur auf sehr wenige Menschen zuzutreffen. Es geht hier darum bei den Menschen zu sensibilisieren, die eben mehr als eine Tasse am Tag trinken.

“Ich nehme kompostierbare Bio-Kapsel, damit habe ich ein gutes Gewissen”

  • Die Kapseln werden als kompostierbar beworben, dürfen aber trotzdem nicht in die Grüne Tonne. Sie enthalten Beschichtungen, die nicht in den Kompost gehören. Also müssen diese immer in den Restmüll entsorgt werden.

“Nestlé wirbt mit besonderen Arbeitsbedingungen für die Kaffeebauern”

  • Das Programm ist kein Fair-Tradesystem und hat nicht mal ILO-Mindestkriterien.

“Ich bin nicht blöd, kaufe Kapseln bei Aldi und bezahle gar nicht so viel”

  • Das hilft auch nicht den Kaffeebauern. Die Plastik-Kapseln werden auch nur verbrannt. Und der Verbrauch von Erdöl und die damit erzeugte CO2 Menge ist auch nicht wirklich begrüßenswert.
  • Diese Billigkapseln werden auch in anderen Ländern verkauft, die keine guten Recycling-Systeme haben. Dort wandern sie auf Deponien oder schlimmstenfalls in Gewässer. Plastikmüll ist sowieso generell zu vermeiden [13].

“Der Kaffee aus den Kapseln schmeckt viel besser und ist vielseitiger”

  • Über Geschmack will ich hier nicht streiten. Aber an vielseitigen Kaffeeprodukten hat es eigentlich noch nie gemangelt. Auch ohne Kapseln.

“Wer wirft den ersten Stein? Wenn ihr Euch beschwert, dann fahrt erstmal weniger Auto, kauft Fairtrade Kaffee, nutzt keine Klamotten die durch Kinderarbeit erstellt wurden, nutzt keine Smartphone, böse Computer oder das Internet – verbraucht auch Strom, … Ihr Gutmenschen wollt nur unser Leben madig machen. Das ist Fortschritt. Wenn wir alles in Frage stellen würden, wären wir noch in der Steinzeit… Als gäbe es keine anderen Probleme, über die man sich aufregen könne…, Auf andere mit den finger zu zeigen ist immer einfach! (sic) “Ihr seid alle Deppe” (sic) … Geld ist da um es auszugeben”

  • Super Totschlag-Argumente, die alle darauf abzielen andere darauf hinzuweisen vor der eigenen Haustüre zu kehren, damit man seine eigenen Handlung nicht reflektieren muss.
  • Der Kaffee in den Nestlé Produkten sind auch kein Fairtrade…
  • Hier geht es nicht um die Weltrettung, weil man fordert auf Kapseln zu verzichten, sondern einen kleinen Beitrag leisten zu können, etwas nicht zu nutzen, womit die Menschheit Jahrtausende davor auch klar gekommen ist (was natürlich auch für alle Totschlagargumente gilt).

Fazit

Sollte jeder für sich selbst finden. Meiner Meinung nach ist das Konzept der Kapseln zwar bequem, aber eine Umweltsünde die vermeidbar wäre. Zudem ist Kaffee ein Genussmittel, was man auch wirklich genießen sollte. Sich dabei selbst zu belügen, wenn man Kapseln wegen Scheinargumenten bevorzugt, kann nicht positiv sein ;-)

Also reflektiert. Seid mündig und schaut, was ihr daraus macht, wenn ihr Kapseln nutzt.

Die Kurz-URL zu diesem Artikel ist: http://gehirnknoten.de/NGsOQ

Bildquellen

  • NespressoMagimix-Vintage: Wikipedia / David Pye | CC BY-SA 3.0

5 Gedanken zu „Die Sache mit den Kaffeekapseln“

  1. Ich sehe den Punkt Müll an diesem System noch größtes Problem. der Abfall ist eine Mischung aus Aluminium und Kompoostierbarem Kaffeemehl. Das Argument, es werden Ressourcen geschont, da nicht so viel überflüssiger Kaffee weggeschüttet werden muss, ist hanebüchen! Wen schon einzelne Portionen, dann von mir aus eben Senseo, da bestehen die Pads aus Papier, das “Sortenrein” mitsamt Kaffeemehl kompostiert werden kann.

    1. Jepp. Gerade die Kaffeekapseln sind *nicht* sortenrein. Egal ob sie aus größtenteils aus Plastik oder Aluminium bestehen oder kompostierbar sind.

      So ein Kapsel ist recht klein, wird nur angestochen und wird daher kaum in einer Sortieranlage auseinander genommen. Die kompostierbaren Kapseln dürfen auch nicht in die Grüne Tonne.

      Damit gehen die Kapseln auch in Deutschland wohl überwiegend in die thermische Verwertung oder auf Deponien.

      Daher würde ich persönlich auch für Wenigtrinker die Senseo (oder ähnliche Maschinen) empfehlen.

  2. WOW. Danke für diesen fundierten Beitrag.
    Ich hatte das “Plakat” tatsächlich auf Facebook gesehen und sofort nach der ersten Textzeile gegoogelt – um zu schauen, ob es dazu auch ausführlichere Beiträge gibt. Gibt es. Und diesem hier ist aus meiner Sicht nichts hinzuzufügen.

  3. Ich finde es sehr gut, dass du den Punkt Reclying ansprichst.
    Es ensteht durch die Kapseln sehr viel Müll, nur weil die Menschen immer bequemer werden.
    Wir sollten an unsere Umwelt denken und diese nicht immer weiter zerstören.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Christian

  4. Sehr spannender Beitrag.

    Betreffend Kaffeekapseln kann man sicherlich geteilter Meinung sein. Grundsätzlich glaube ich aber, dass die Hersteller in nächster Zeit hier diverse Änderungen vornehmen werden (kleinere Verpackungen, ökologischere Materialien, Recycliersysteme etc.).

    Beispiele:
    – Café Royal hat vor einigen Wochen seine Verpackungsgrössen um 60% reduziert.
    – Nespresso holt mittlerweile die gebrauchten Kapseln zuhause kostenlos ab
    – Einige Systeme mit kompostierbaren Kaffeekapseln sind auf den Markt gekommen

    etc.

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